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20. Juni 2026·9 Min. Lesezeit

Kräuteröle selber machen — die Basis für alles

Ein Glas, ein gutes Öl, eine Handvoll Kräuter. Daraus wird Ringelblumenöl, Johanniskrautöl, Lavendelöl — und die Grundlage für jede selbstgemachte Salbe. Der Ölauszug ist das einfachste und vielseitigste Verfahren der Hausapotheke.

Erst mal aufräumen mit einem Missverständnis, weil es so oft vorkommt: Echtes ätherisches Öl kannst du zuhause kaum herstellen. Das braucht eine Wasserdampfdestillation, und die Ausbeute ist absurd — für ein paar Milliliter reines Öl brauchst du Kilo um Kilo Pflanzen, bei Rosen sogar Tonnen pro Liter. Das lohnt mit Gartenmitteln nicht.

Was du dagegen richtig gut selbst machen kannst — und was die meisten meinen, wenn sie „Kräuteröl" sagen — ist ein Ölauszug, fachlich Mazerat genannt. Dabei legst du Pflanzenteile in ein gutes Pflanzenöl ein, und das Öl löst über die Zeit die fettlöslichen Wirkstoffe heraus: ätherische Öle, Harze, Farbstoffe. Das Ergebnis ist ein Kräuteröl, das die Essenz der Pflanze konzentriert in sich trägt.

Und es ist die Basis für fast alles andere: Ringelblumensalbe, Pechsalbe, Massageöl, Hautpflege. Wer einmal versteht, wie ein Ölauszug funktioniert, hat den Grundbaustein der ganzen Hausapotheke in der Hand. Deshalb dieser Artikel.

Das Prinzip in einem Satz

Trockenes Pflanzenmaterial + gutes Öl + Zeit (oder sanfte Wärme) = wirkstoffhaltiges Kräuteröl.

Mehr ist es im Kern nicht. Der Rest ist Sorgfalt — und zwei, drei Dinge, bei denen man es vermasseln kann. Genau die stehen hier deutlich drin.

Zwei Wege: kalt oder warm

Es gibt zwei Methoden, und beide heißen Mazerat. Welche du nimmst, hängt von der Pflanze und deiner Geduld ab.

Der Kaltauszug — schonend, aber geduldig

Die Pflanzenteile bleiben mehrere Wochen bei Raumtemperatur im Öl und geben ihre Wirkstoffe langsam ab. Kein Erhitzen, also bleiben hitzeempfindliche Stoffe vollständig erhalten — das ergibt das hochwertigste Öl.

  • Vorteil: schonendste Methode, beste Wirkstofferhaltung.
  • Nachteil: dauert 2–6 Wochen, und es besteht ein gewisses Schimmelrisiko, wenn Restfeuchtigkeit ins Spiel kommt.
  • Für Anfänger: trotzdem gut geeignet — wenn du die Trocken-Regel (siehe unten) ernst nimmst.

Der Warmauszug — schnell und keimsicher

Hier hilft sanfte Wärme nach, der Auszug ist in ein bis zwei Stunden fertig. Die Wärme tötet außerdem Keime ab, das Schimmelrisiko fällt praktisch weg.

  • Vorteil: in 1–2 Stunden fertig, kaum Verkeimungsgefahr.
  • Nachteil: durch die Wärme können ein paar Wirkstoffe verloren gehen.
  • Die entscheidende Regel: Das Öl darf nicht über 40 °C (maximal 60 °C). Schon ab etwa 40 °C verflüchtigen sich manche wertvollen Stoffe. Also: so warm wie nötig, so kalt wie möglich. Wer ein Küchenthermometer hat, nimmt es hier wirklich zur Hand.
◆ Faustregel
Empfindliche Blüten, die du möglichst vollständig erhalten willst — Kaltauszug. Schnell gebraucht für eine Salbe — Warmauszug bei niedriger Temperatur.

Was du brauchst

Das Öl: Ein gutes, möglichst kaltgepresstes Pflanzenöl. Olivenöl ist der robuste Allrounder (lange haltbar, leicht eigener Geruch). Sonnenblumen- oder Rapsöl sind neutraler. Für feine Hautpflege gehen Mandel-, Jojoba- oder Traubenkernöl. Den Wirkstoffen der Pflanze ist die Ölsorte egal — wähl nach Verwendungszweck und Hauttyp.

Das Pflanzenmaterial: Blüten, Blätter, Wurzeln — je nach Kraut. Sauber gesammelt: nicht an vielbefahrenen Straßen, nicht am gedüngten Feld, nicht am Hunde-Gassiweg. Da man das Material möglichst nicht wäscht, landet sonst alles direkt im Öl. Der eigene Garten ist die beste Quelle.

Gefäße: Ein sauberes, trockenes Schraubglas zum Ansetzen. Eine Braunglas- oder Apothekerflasche zum Lagern (schützt vor Licht). Ein feines Sieb oder Passiertuch zum Abseihen.

Die drei Regeln, an denen alles hängt

Wenn du nur drei Dinge aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese:

1. Pflanzenmaterial muss trocken sein. Das ist die wichtigste Regel überhaupt. Wasser im Öl = Schimmel. Für den Kaltauszug solltest du die Kräuter antrocknen lassen (oder direkt getrocknete verwenden). Frische Blüten gehen auch, machen das Öl aber kürzer haltbar. Und beim Abseihen: die Pflanzenreste nicht ausdrücken — in ihnen steckt Restfeuchtigkeit, die du nicht im Öl haben willst.

2. Vollständig mit Öl bedeckt. Pflanzenteile, die aus dem Öl ragen, schimmeln. Alles muss unter der Öloberfläche stehen. Notfalls beschweren oder nachgießen.

3. Dunkel und kühl lagern. Licht und Wärme lassen das Öl oxidieren (ranzig werden). Braunglas, dunkler Schrank. Die eine große Ausnahme: Johanniskrautöl — das braucht Sonne (dazu gleich mehr).

Grundrezept Kaltauszug

  1. Sauberes, trockenes Schraubglas zu etwa zwei Dritteln locker mit dem Kraut füllen (getrocknet) bzw. ganz füllen (frisch, lockerer).
  2. Mit Öl auffüllen, bis alles gut bedeckt ist. Mit einem sauberen Stäbchen Luftblasen rausstochern.
  3. Verschließen, beschriften (Kraut + Datum).
  4. An einen warmen Platz stellen (Fensterbank-Wärme ja, pralle Sonne nein — außer Johanniskraut). 2–6 Wochen ziehen lassen, ab und zu sanft schwenken.
  5. Durch ein feines Sieb oder Tuch abseihen — nicht ausdrücken. In Braunglas abfüllen.

Grundrezept Warmauszug

  1. Kraut und Öl ins Schraubglas, Glas ins Wasserbad.
  2. Sanft erwärmen — Öltemperatur 40 °C, nie über 60 °C. Zwischendurch messen, Herd runterdrehen, wenn es zu warm wird.
  3. So 1–2 Stunden temperieren (für ein intensiveres Öl kann man das über 2–3 Tage zugedeckt wiederholen). Darauf achten, dass kein Kondenswasser ins Öl tropft.
  4. Abseihen wie beim Kaltauszug, in Braunglas abfüllen.

Haltbarkeit: Mazerate halten kühl und dunkel viele Monate. Irgendwann oxidiert das Trägeröl — riecht es ranzig, ist Schluss. Mit frischen Pflanzen kürzer haltbar als mit getrockneten.

Die Klassiker — welches Kraut wofür

Ringelblume (Calendula)

Der Allrounder der Hautpflege und die klassische Salbenbasis. Wundheilend, hautberuhigend, entzündungshemmend. Aus Ringelblumenöl + Bienenwachs wird die berühmte Ringelblumensalbe — das Universalmittel für rissige Haut, kleine Wunden, Babypopo. Wenn du nur ein Kräuteröl machst: dieses.

Johanniskraut — das „Rotöl" (mit wichtigem Vorbehalt)

Der Sonderfall. Johanniskrautöl wird kalt angesetzt und in die Sonne gestellt — nur so löst sich das Hypericin und färbt das Öl über Wochen tiefrot (daher „Rotöl"). Traditionell für Narbenpflege, bei Verspannungen, als beruhigendes Massageöl, bei kleinen Nervenschmerzen.

◆ Achtung, das ist kein Detail
Hypericin macht die Haut lichtempfindlich. Nach dem Auftragen nicht in die pralle Sonne — sonst drohen Hautreaktionen wie ein verstärkter Sonnenbrand. Johanniskrautöl deshalb eher abends oder für bedeckte Hautpartien.

Lavendel

Beruhigend, entspannend, leicht antiseptisch. Schönes Massage- und Einschlaf-Öl, auch gut für die Haut. Riecht obendrein wunderbar.

Gänseblümchen

Das milde „kleine Arnika" — für Prellungen, Blutergüsse, müde Haut. Sanft und gut verträglich, schöner Einstieg.

Spitzwegerich

Passt zur Hausapotheke aus den anderen Artikeln: ein Spitzwegerich-Ölauszug für hautberuhigende Anwendung bei Juckreiz und kleinen Reizungen.

Beinwell (nur äußerlich!)

Traditionell stark bei Prellungen, Verstauchungen, Gelenken. Aber: Beinwell enthält Stoffe (Pyrrolizidinalkaloide), die nur äußerlich, auf intakter Haut, zeitlich begrenzt angewendet werden sollten — nie auf offenen Wunden, nicht innerlich, nicht in Schwangerschaft/Stillzeit. Etwas für Fortgeschrittene, die sich eingelesen haben.

Vom Öl zur Salbe — der nächste Schritt

Sobald du ein Mazerat hast, ist die Salbe nur noch ein kleiner Schritt: Öl im Wasserbad erwärmen, Bienenwachs einschmelzen (Faustregel ungefähr 10 g Wachs auf 100 ml Öl, mehr Wachs = fester), Konsistenz auf einem kalten Teller prüfen, warm in Döschen füllen. Das ist exakt dasselbe Prinzip wie bei der Pechsalbe — nur dass die Wirkkraft hier aus dem Kräuteröl statt aus dem Harz kommt. Wer mag, kombiniert beides.

Sicherheit & Ehrlichkeit

  • Hygiene entscheidet über Erfolg oder Schimmel. Saubere, trockene Gläser. Trockenes Material. Alles bedeckt. Beim kleinsten Anzeichen von Schimmel oder fauligem Geruch: wegwerfen, nicht riskieren.
  • Das ist Erfahrungsheilkunde, kein Arzneimittel. Für die kleinen Dinge des Alltags gut — bei ernsten oder anhaltenden Beschwerden zum Arzt.
  • Patch-Test bei empfindlicher Haut: neues Öl erst an einer kleinen Stelle testen.
  • Johanniskraut — Lichtempfindlichkeit. Beinwell — nur äußerlich, begrenzt. Diese zwei nicht überlesen.
  • Schwangerschaft, Stillzeit, Kleinkinder: vorher abklären.

Das Schöne an diesem Verfahren ist, wie weit es trägt. Ein Glas, ein Öl, ein Kraut aus dem Garten — und du hast die Grundlage für Salben, Pflegeöle, kleine Hausmittel. Es ist dieselbe Logik wie beim ganzen Garten: nicht das fertige Produkt kaufen, sondern das System verstehen, das dahintersteht. Einmal kapiert, machst du es ein Leben lang. Alle Rezepte der Reihe stehen in der Wildapotheke.


Hinweis: Dieser Artikel beschreibt traditionelle und in der Naturheilkunde gebräuchliche Verfahren. Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Verwende nur sicher bestimmtes, sauber gesammeltes Pflanzenmaterial. Beachte die besonderen Hinweise zu Johanniskraut (Lichtempfindlichkeit) und Beinwell (nur äußerlich, zeitlich begrenzt). Bei anhaltenden Beschwerden sowie in Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kindern bitte ärztlich abklären.

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